«Wir haben es hier mit einer Epidemie zu tun»

Von Olivia Kühni.

Ein amerikanischer Psychiater schlägt Alarm: Immer mehr Menschen sind unfähig, sich auf eine Sache zu konzentrieren – mit schwerwiegenden Konsequenzen.
Edward Hallowell ruft die Unternehmen dazu auf, endlich zu handeln. Denn wenn sie so weitermachten wie bisher, komme sie das teuer zu stehen: Falsche Chefentscheide, schlechtere Zahlen, kranke Menschen. «Überlastete Systeme – warum kluge Menschen versagen», betitelt der langjährige US-Psychiater seinen Artikel im «Harvard Business Review». Er richtet sich insbesondere an Unternehmensführer.

Hallowell zeigt darin auf, wie die heutige Umwelt den Menschen in ständige Zerstreutheit versetzt und ihn letztlich schachmatt setzt. Der Autor beschreibt etwa den jungen Manager David, der während eines Telefonats gleichzeitig Mails liest, mit den Füssen wippt, mit den Fingern trommelt, Kaffee trinkt – und dabei schliesslich einen Termin vergisst.

«Wir haben es hier mit einer Epidemie zu tun», schreibt der Psychiater. «Immer mehr Menschen leiden unter Konzentrationsmangel.» Die Folgen seien drastisch: Unfähigkeit zur Kreativität, eine steigende Fehlerquote und langfristig ein Heer von kranken Menschen.

Typische ADS-Symptome
Harvard-Absolvent Hallowell ist einer der Pioniere der Forschung zu ADS, dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. ADS äussert sich mit Impulsivität, Stimmungsschwankungen, Ungeduld und leichter Ablenkbarkeit – kurz mit einem verminderten Konzentrationsvermögen. Dass die Verdrahtungen im Hirn von ADS-Betroffenen anders sind als die von Nichtbetroffenen, lässt sich mittlerweile am MRI-Hirntomographen ablesen.

In den letzten Jahren hätten sich immer mehr Menschen aus der Wirtschaftswelt mit den typischen ADS-Symptomen an ihn gewandt, schreibt Hallowell nun im Buch. «Die Zahl der Leute mit Konzentrationsmangel hat sich verzehnfacht.» Doch ein Grossteil dieser Menschen litt nicht an ADS, das eine stark genetische und somit von Umwelteinflüssen unabhängige Komponente hat.

Panik statt Kreativität
Vielmehr sei das Verhalten der Betroffenen eine Reaktion auf die moderne Welt, eine Art fatales Hirntraining: «Wenn unser Hirn ständig mit Reizen überflutet wird, verliert es nach und nach die Fähigkeit zur Konzentration», schreibt Hallowell. Neurologisch seien ständige Unterbrechungen vergleichbar mit dem Angriff eines wilden Tiers – das Stammhirn sende erhöhte Levels von Botenstoffen aus, die den Menschen in Dauerpanik versetzten. Konzentriertes Arbeiten, das vom so genannten Frontallappen im Hirn ausgeht, wird unmöglich. Stattdessen herrschen Panik, Gereiztheit, Ungeduld, Empfindlichkeit.

Hallowell spricht bei den beobachteten Verhaltensweisen von ADT (attention deficit trait) – betont aber gleichzeitig, dass es sich im Gegensatz zu ADS eben gerade nicht um eine Krankheit handle. ADT müsse man nicht mit Pillen behandeln, so Hallowells Haltung, sondern mit einem besseren Lebensstil.

Geräte aus
Genau dazu ruft der Psychiater in seinem Buch auf – und er verlangt insbesondere von Unternehmen, dass sie die Epidemie ernst nehmen. «Es ist leider noch immer so, dass Angestellte als schwach hingestellt werden, wenn sie sich vor Überlastung schützen wollen», schreibt der Psychiater. Das Gegenteil sei der Fall: Nur wer nicht überlastet sei, könne kreativ und klug handeln.

Hallowells erster Rat: «Schaffen Sie eine angstfreie Arbeitsatmosphäre». Denn wenn sich ein Mensch sicher fühle, verzichte sein Stammhirn eher auf jene Stresswarnungen, die sein System überlasten. Darum seien gemeinsame Essen und allgemeiner Austausch am Arbeitsplatz so wichtig. Der Arbeitnehmer selber solle sich aktiv um sozialen Austausch mit den Kollegen und auch der Familie bemühen. «Sorgen Sie sich nicht alleine», so Hallowell.

Sein zweiter Rat: «Stellen Sie die Grenzen wieder her, die von der modernen Technologie niedergerissen wurden». Also Geräte ausschalten, die Mails für eine Weile liegen lassen. Und vor allem auch dann offline bleiben, wenn das Denken anstrengend werde. «Zappen Sie nicht gleich wieder weg, wenn das Nachdenken langweilig und mühsam wird.» Unternehmen müssten entsprechende Verhaltensweisen fördern – etwa mit festen Feierabendterminen, die dann auch eingehalten würden.

Gemüse statt Zucker
Der dritte Rat des Psychiaters zielt ganz direkt auf den Körper: «Schlafen Sie genug, reduzieren Sie Zucker und Weissmehl und treiben Sie Sport». Statt Zucker sollten Kopfarbeiter mehr Gemüse und Proteine zu sich nehmen, schreibt Hallowell. Besser als Kaffee und Weissbrot zum Frühstück seien beispielsweise Tee und Eier. Was jede Mutter weiss – dass Zucker nervös macht – gilt nämlich auch für Erwachsene.

Sport lässt unseren Körper ausserdem allerlei Stoffe produzieren, die uns gut tun: Endorphine, Serotonin, Dopamin usw. – alles Helfer für eine ausgeglichene Stimmung und mehr Konzentration. «Die Zeit im Fitnesszentrum machen Sie locker durch mehr Konzentration und Effizienz wett», so Hallowell. Den Unternehmen rät er gar, einen gut ausgestatteten Trainingsraum anzubieten.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.01.2012, 16:42 Uhr


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